The End

by Leonie

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Der goldblonde Ton deiner Haare und die nach und nach verblassende Bräune deiner Haut sind die letzten sichtbaren Zeichen dieses Sommers. In Hamburg weicht der recht nette Spätsommer dem Herbst und es scheint als sei alles, was die letzen Monate dein Leben ausmachte, nur ein kleiner Traum gewesen, der jetzt hinter einer Wand aus Verpflichtungen langsam aber sicher verschwindet. Da du nicht mehr in einer angenehmen Realität leben kannst, fallen dir die strohtrockenen, ausgebleichten Spitzen auf und du fürchtest erste Zeichen von Hautalterung durch zu viel Sonne, der du dich bei jeder sich bietenden Gelegenheit entgegen gestreckt hast. Und weil du nicht mehr in einer angenehmen Realität lebst sondern in einer zehrenden, in der du viel zu viel denkst, fliehst du in Erinnerungen und versuchst das gute Gefühl zurück zu zwingen, aber es gelingt nicht. Eigentlich macht es dich meistens einfach noch etwas trauriger, aber in einer aussichtslosen Situation darfst du es trotzdem immer wieder versuchen. Außergewöhnlich coole Flohmarkt-Funde sehen plötzlich aus wie aus dem Kontext gerissen, unpassend für die Person die du hier bist.

Und weil du ab jetzt ohnehin mit nur Unangenehmem konfrontiert bist, bedenkt dein Gehirn gleich auch alle möglicherweise demnächst entstehenden Probleme und beschäftigt sich mit deren Auseinandersetzung, damit du gar nicht mehr schlafen kannst.

Das meiste was passiert, erlebst du durch eine Art Nebel aus Fassungslosigkeit und Unglauben – wie ein Magnet schwebst du von überall abgestoßen in einer negativ geladenen Luft und suchst nach etwas, was dich hält. Alles Großartige des Sommers, was du versuchst wieder aufleben zu lassen, fühlt sich hier falsch an und verkümmert einfach. Letztendlich nimmst du das meiste gleichgültig auf, weil du musst, und gleichzeitig überhaupt nicht richtig da bist. Entscheidungen werden dadurch weniger als halbherzig getroffen, manchmal fühlt es sich an wie ein sehr trauriges Angetrunkensein, dann wieder wie ein undefinierbarere Zustand den du durch eine milchige Glasscheibe bei jemand völlig anderem beobachtest.

Wie nach einer gerade beendeten Beziehung, verliert alles was dich jemals an Berlin gestört haben könnte enorm an Wichtigkeit – dein Gehirn wird durchflutet von dem was dich die Stadt fühlen lässt, vor allem dem Gefühl, dich nicht dafür rechtfertigen zu müssen, dort zu sein.

Du wünschst dir sich Heroin spritzende Menschen in deinem U-Bahn Eingang, den Fußweg blockierende Großfamilien mit Migrationshintergund, Uringeruch wo immer es dich hin verschlägt und ein paar aufdringliche Obdachlose im öffentlichen Nahverkehr, wenn du dafür nur einen kleinen Teil der Leichtigkeit und des Freiheitsgefühls haben könntest. Und vielleicht einen Späti mit einem freundlichen türkischen Inhaber, der dir auf  Wunsch die Marlboro Lights in der Verpackung mit den am wenigsten abschreckenden Lungenkrebs-Bildern verkauft.

Du stellst dir vor, in deinem Lieblingspark zu sitzen, neben dir sowohl ein seit Stunden meditierender Mann mit Halbglatze und ohne Schuhe als auch eine Frau welche sich angeregt mit ihren Hunden unterhält. Dies relativiert die – in einem gewissen Umfeld sicherlich vorausgesetzte – Seltsamkeit deines Alleinseins. Es fühlt sich an, als seist du Teil einer Selbstverständlichkeit, eines harmonischen Kosmos’ aus Diversität und Koexistenz. Vielleicht interessiert sich niemand für dich, jedoch auf eine nicht ablehnende Weise – du bist ein kleines Zahnrad in dem pulsierenden großen Ganzen. Wohingegen du hier möglicherweise die gesamte Zeit deines Ausharren als Fremdkörper herumwandelst, ohne zu wissen was du eigentlich falsch machst, außer dass du nicht in dieser Eishöhle von Stadt geboren worden bist und somit nicht zur Einwohnerelite gehörst. Du kannst hier nichts mehr wirklich ernst nehmen, weil du jetzt weißt, wie sich das alles in der Wirklichkeit anfühlt.

 

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