Und noch nicht mal Astra

by Leonie

Du kannst kleine und größere Fehler machen. Ein kleiner Fehler ist es, dir Schuhe eine Nummer zu klein zu kaufen, sie trotzdem zu tragen und dann nicht mehr zurück geben zu können. Ein größerer Fehler ist es, in die für dich falsche Stadt zu ziehen

-Leonie Wessel

Überall wulstige Steppjacken und Menschen in Schockstarre – Hamburg im Winter. Leider hast du dir zum Ende deines Praktikums in Berlin einen Minirock aus Wildleder ausgesucht und keine Latzhose. Weil er auch noch sofort dein Lieblingsstück geworden ist, trägst du ihn sehr oft, und hast jedes mal in der U-Bahn den gleichen Gedanken: Den Blicken nach bin ich wohl irgendwie ein Flittchen; alle fragen sich, wohin ich mit diesem unmöglich kurzen Rock unterwegs bin. Die denken, ich habe meine Hose vergessen. Wenn du dann auch noch rauchend und – ausnahmsweise – bei Rot über die Straße gehst, fühlst du dich wie ein Mädchen, das gerade einen Ausflug von der Herbertstraße macht. Du bist unvernünftig, freizügig und ein bisschen assi, flüstert Hamburg dir zu und bläst einen eisigen Windstoß unter deinen zu dünnen Wollmantel, der vorne praktischer Weise nur einen Knopf hat – weil du dich nicht überwinden kannst, einen kompakten, gefütterten Parka in deine Wintergarderobe aufzunehmen.  Hehe, selbst schuld. Und hier ist noch ein bisschen Nieselregen, der so fein durch die Luft sprüht, dass es bescheuert aussieht, wenn du den Schirm aufspannst, du aber trotzdem nass bist, wenn du zuhause ankommst.

Danke, denkst du, danke dafür. Und kommst nicht umhin, dich an eines deiner schönsten Erlebnisse in dieser magischen Stadt zu erinnern.

Du hast nicht darüber nachgedacht. Als du das Haus verlässt, weißt du, es ist ein ganz außergewöhnlicher Abend. Die Sonne scheint, und es ist jetzt um halb sieben noch so warm, dass du deine Vintage-Jeansjacke nur umbinden musst, nicht anziehen. Unglaublich. Fast hättest du die Tür nicht abschließen können, denn deine Hände sind voll: ein Blumenstrauß, den du auch gern selbst behalten hättest, und in der anderen Hand, …nun ja. Deine Vorfreude auf den Abend hält sich in Grenzen, doch die ungeahnten Temperaturen stimmen dich so fröhlich, dass du beschwingten Schrittes Richtung Kellinghusenstraße läufst.

Du hörst etwas zu laut deine ‚love‘ Playlist bei Spotify und freust dich wirklich sehr, dass du das erste und möglicherweise letzte Mal dieses Jahr dein neues Topshop-Kleid tragen kannst. Schluck. Frau in erwartbarer dunkelblauer Montur kommt auf dich zu, strampelt sehr stark auf ihrem Mountainbike ähnlichen Rad auf der richtigen Seite den Radweg hoch – kurzer irritierter Blick ihrerseits, dann ist sie vorbei. Merkst du was?, säuselt Hamburg, merkst du irgendetwas? Nein, eigentlich nicht. Du läufst im Takt des Liedes und singst ganz kurz mit, vielleicht peinlich, aber je näher du dem verklemmten Eppendorfer Marktplatz kommst, drängt es dich jedes Mal zu einer kleinen, unangenehmen Trotzaktion. Schluck. Mutter mit zwei Mädchen im Kindergartenalter kommt aus dem Penny, schneller abwertender Blick, während die Kinder ein bisschen verwirrt zu dir hinauf schauen und dann zum Familienauto folgen.Was macht die Frau da?, fragen sie bestimmt ihre Mama, die garantiert Petra heißt, und Petra sagt: Das habt ihr jetzt nicht gesehen! Dann bekommen sie als Bestechung jeder einen Apfel, obwohl sie eigentlich auf ein Flutschfinger gehofft hatten. Du hörst ja leider nichts und passierst ein Schaufenster mit unverschämt teuren, schwedischen Kachelöfen, die sich, wenn überhaupt, ein Rentnerpaar hier aus der Gegend leisten könnte. Eine komplizierte und etwas sinnlose Straßenkreuzung breitet sich vor dir aus, nie weißt du, wie lange du warten musst oder welcher Weg auf die andere Straßenseite der schnellste ist. Schluck. Viele wichtige Menschen in Chinos und Blusen, auf Fahrrädern, mit Budni-Tüten, alle sind genervt, weil zu heiß, oh man. Und dann kommt die erste Ampel, vor deinem inneren Auge strömen die wartenden Menschenmassen auseinander – um nicht zu nah bei dir zu stehen? Normalerweise wirst du verwundert gemustert, wenn du studienbedingt mit Gepäck von ungewohnt großem Ausmaß unterwegs bist. Aber heute ist es anders, das ist nicht nur Verwunderung, das ist Unverständnis, Ablehnung. Schluck. Unbehagen strömt von deiner rechten Hand aus in deinen ganzen Körper, obwohl du vehement dagegen an denkst. Noch eine Ampel. Du fühlst dich wie ein kleiner Fremdkörper, den man von allen Seiten durch bloßen Blickkontakt zu eliminieren versucht. Siehst du, zischt Hamburg dir zu, das geht gar nicht! Nicht mehr weit, jetzt kommen, warum auch immer, drei Bäckereien in einer Reihe, eine davon Bio. Schluck. Du spürst die Blicke der die U-Bahnstation Verlassenden auf dir – U3 Richtung Schlump in zwei Minuten. Zielstrebig gehst du auf deine Erlösung zu, einen silbernen Mülleimer, und lässt darin das Objekt der Verachtung verschwinden: die Reste deines Wegbiers.

 

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